Ein Vortrag, ein Entschluss, zehn Jahre Einsatz: Christoph Althaus brachte als Rotarier und Arzt sein Wissen nach Dabou – und kehrte bereichert zurück.
Wenn Christoph Althaus heute von Dabou erzählt, klingt in jeder Silbe Staub, Hitze und Menschlichkeit mit. Zehn Jahre lang zog es ihn immer wieder dorthin – aus eigenem Antrieb, aus innerer Verpflichtung. Der Auslöser war unscheinbar: ein Rotary-Lunch im Winter 2015, ein Vortrag seines rotarischen Freundes Ruedi Leuppi (RC Zug-Zugersee) über ein Spital an der Elfenbeinküste. Nachdem der Applaus abgeebbt war, blieb Althaus nachdenklich sitzen. Die Bilder von improvisierten Operationssälen, von konzentrierten Gesichtern und fröhlichen Pausen im Hof liessen ihn nicht los. «Da war dieser Funke», sagt er. «Und ich dachte: Ich könnte doch helfen.» Ein halbes Jahr später steht er in Dabou, vierzig Kilometer westlich von Abidjan, zum ersten Mal auf dem Klinikgelände.
Das Hôpital Méthodiste de Dabou, 1968 eröffnet, eingebettet in die protestantische Stiftung für Gesundheit der Église Protestante Méthodiste de Côte d’Ivoire, verfügt über 109 Betten, rund 150 Mitarbeiter, sieben Ärztinnen und Ärzte im Vollzeitpensum und einen Apotheker. Ein Verwaltungsrat mit 14 Mitgliedern gibt die Leitlinien vor, doch der Alltag wird oft im Kleinen entschieden: ein funktionierender Wasserhahn, eine frisch gestrichene Wand, eine ruhige Hand an einem übervollen Bett.
Getragen wird das Haus seit vielen Jahren von der Ruedi Leuppi Stiftung Elfenbeinküste in Zug. Leuppi gründete sie 2005, um medizinische Ausbildung und eine urologische Abteilung in Dabou aufzubauen. Er reist mehrmals jährlich selbst an, operiert, unterrichtet und koordiniert Hilfslieferungen. «Rotary ist ein hervorragendes Netzwerk», sagt er. «Man vertraut einander – und dieses Vertrauen öffnet Türen, auch weit weg von Zug.» Der heute über achtzigjährige Arzt aus Zug hat in 14 Jahren rund 120 Reisen nach Dabou unternommen. Seine Koffer sind jedes Mal voll mit Medikamenten, chirurgischem Material – und manchmal mit Schokolade für die Zöllner. Jedes Jahr organisiert «der weisse Doktor», wie er liebevoll genannt wird, zwei Container mit Hilfsgütern im Wert von rund 200000 Franken und sammelt Spenden, die einen grossen Teil der Betriebskosten des Spitals decken. Doch nicht nur Leuppis Hilfe ist willkommen: Wo er auftaucht, geht es ebenso heiter zu wie professionell; sein Einsatz und sein Lachen sind gleichermassen verbindend.
Als Dr. med. Christoph Althaus (RC Weinfelden) im Februar 2015 zum ersten Mal für die Stiftung nach Dabou kommt, bringt er jahrzehntelange Erfahrung mit als Hausarzt in der Schweiz. Sein Auftrag in Afrika: die Aus- und Weiterbildung der «Generalisten-Ärzte». Jeden Morgen steht er in einem kleinen Unterrichtsraum, zwei Stunden PowerPoint-Schulung zu Themen, die das Team wünscht: EKG-Diagnostik, Reanimationsabläufe, Röntgen-Basics, Notfallprozesse. Danach geht er durch die Stationen, begleitet Visiten, bespricht Fälle, schärft Blicke für Prioritäten und sichere Abläufe. «Ich habe Ärztinnen, OP-Personal und Pfleger geschult, von Röntgentechniken über lebensrettende Reanimationsmassnahmen bis hin zu speziellen medizinischen Themen», sagt er. «Es war erstaunlich, wie schnell die Fachkräfte das neue Wissen umsetzten.»
«Es sind sehr wache Kolleginnen und Kollegen dort. Wenn etwas nützt, wird es sofort ausprobiert.» Manches sei herausfordernd gewesen, sagt er. «Ärgerlich war es zum Beispiel, wenn beim Ausfall eines Geräts einfach abgewartet wurde». Doch gerade dann half der ruhige Blick von aussen: Fehlerfreundlichkeit, klare Zuständigkeiten, einfache Checklisten – kleine Dinge mit grosser Wirkung.
Neben der Wissensarbeit organisiert die Stiftung Hilfslieferungen aus der Schweiz: ausgemusterte Betten, Instrumente, Verbandsmaterial, manchmal ganze Paletten an Verbrauchsgütern. «Was bei uns nicht mehr gebraucht wird, leistet dort wertvolle Dienste», weiss Althaus. Doch der Weg an die Elfenbeinküste verläuft selten gerade. «Der Transport von Hilfsgütern war immer ein Abenteuer. Medikamente verschwinden, Container stehen wochenlang beim Zoll, selbst wenn alles als humanitäre Hilfe deklariert ist.» Einmal blieb ein Container mit Isoletten für Frühgeborene, Medikamente und Büromaterial zwei Monate lang in der prallen Sonne stehen. Selbst der oberste Zöllner, ein Rotarier, konnte nichts bewirken. «Man lernt Geduld», sagt Althaus. «Und man lernt, dass am Ende trotzdem etwas ankommt.»
Medizin mit Wirkung
Mit der Zeit verschob sich der Fokus von der Frage «Was fehlt?» hin zur Frage «Was tragen wir gemeinsam bei?». Neue Materialien wurden eingeführt, defekte Wasserhähne ersetzt, Malerarbeiten erledigt. Und schliesslich etwas, das selbstverständlich klingt und doch ein Durchbruch ist: In allen Räumen brennt elektrisches Licht. Das verändert Prozesse, Sicherheit – und die Stimmung. Noch bedeutsamer ist der Wandel im Umgang mit Patientinnen und Patienten. «Wir haben begonnen, den Intimbereich zu schützen und Patientenrechte einzuführen. Alles Dinge, die hier alles andere als selbstverständlich sind.» Für Althaus sind es genau diese behutsamen Schritte, die im Gedächtnis bleiben.
Im Unterricht bleibt er praxisnah: ein Fall, ein kurzer Input, dann die Anwendung. Eine junge Ärztin hält zum ersten Mal ein EKG in der Hand, liest die elektrischen Ausschläge laut – erst unsicher, dann immer bestimmter. Auf der Notfallstation übt Althaus mit den Ärzten und dem Notfallpersonal Herzmassage, Defibrillation und wie man Atemwege sichert. Wenn der Strom ausfällt, leuchten Handys, jemand macht einen Witz, und der Kurs geht weiter. «Perfektion ist hier keine Kategorie», sagt Althaus. «Entscheidend ist, dass man da ist.»
2020 kommt die Pandemie – kein Flugverkehr, ein Spendenrückgang um dreissig Prozent. «Wir rechneten mit Rückschritten», sagt Althaus. «Doch das Gegenteil trat ein.» Die Klinik übernimmt Verantwortung, findet eigene Sponsoren und organisiert sogar einen geleasten CT-Scanner. «Das war für mich ein echtes Zeichen des Fortschritts. Wir wollten Nachhaltigkeit – und sie ist entstanden.» Das Team entscheidet, plant, führt aus. Die Stiftung begleitet, aber das Spital steht auf eigenen Beinen – fester als jemals zuvor.
Zwischen all den Fortschritten bleiben Grenzen. «Der Tod eines Mädchens an einer Blinddarmentzündung hat mich tief erschüttert», sagt Althaus. «Wir hatten schlichtweg nicht genügend Ressourcen.» Er macht eine kurze Pause. «Man begreift, wie dünn der Faden ist, an dem das Leben hängt.» Aber auch hier bleibt der Blick nach vorn: Fälle werden besprochen, Abläufe verbessert, Notfallpläne angepasst. Es ist eine Arbeit in Runden – nie fertig, immer lernend.
Was bleibt
Am Ende seiner 21 Einsätze wird Althaus in Dabou feierlich verabschiedet. Die Direktion, Ärztinnen und Pfleger sind gekommen. Es gibt Musik, Reden und eine Ehrenurkunde als Geschenk. Ganz loslassen kann er indes nicht. Und er will es auch nicht. So bleibt er als Stiftungsrat der Ruedi Leuppi Stiftung verbunden, bringt Erfahrungen ein, berät Projekte, hält Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen vor Ort.
Ruedi Leuppi ist weiterhin regelmässig in Dabou. In seinem Zuger Büro hängen Fotos aus drei Jahrzehnten: Operationsteams, Schulungen, lachende Kinder im Hof. «Unsere Arbeit ist keine klassische Entwicklungshilfe», sagt er, «sie ist eine Partnerschaft – auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch.» Rotary ist dabei kein Logo, sondern eine Haltung: eben «People of Action».
Zwei Rotarier, zwei Lebensläufe, ein gemeinsames Ziel. Was mit einem Vortrag begann, ist zu einer Brücke zwischen Kontinenten geworden – und zu einem Beispiel dafür, wie Wissen, Geduld und Respekt Strukturen verändern. «Ich konnte Leben retten, Wissen weitergeben und neue Perspektiven aufzeigen», sagt Althaus. «Diese Arbeit hat meine Sicht auf das Leben verändert. Und sie hat mir gezeigt, was es heisst, rotarisch zu handeln.»
Interkontinentale Zusammenarbeit
2005 Gründung der «Ruedi Leuppi Stiftung Elfenbeinküste» durch Rotarier und Arzt Ruedi Leuppi in Zusammenarbeit mit dem RC Zug-Zugersee
2009 Matching Grant über 77000 USD für den Sanitärausbau des Hôpital Méthodiste in Dabou (RC Zug-Zugersee und RC Bietry Abidjan)
2015 Erster Projektbesuch von Rotarier und Arzt Christoph Althaus; Unterstützung durch den RC Weinfelden
2020 Global Grant über 45000 Franken für den Ausbau der Neugeborenenstation sowie die Ausbildung von Pflegefachpersonal und Kinderärzten (RC Zug-Zugersee und RC Deux-Plateaux Abidjan)
Über zwei Jahrzehnte hinweg arbeiteten die Rotary Clubs Zug-Zugersee und Weinfelden erfolgreich mit den zwei Partnerclubs in Abidjan zusammen und tragen den rotarischen Geist weiter.

Zur Person
Der Zuger Urologe Dr. med. Ruedi Leuppi (Jg. 1942) ist seit 1986 Mitglied des RC Zug-Zugersee. Seit 2004 unterstützt er das Hôpital Méthodiste in Dabou mit regelmässigen Einsätzen, ein Jahr später gründete er die Ruedi Leuppi Stiftung Elfenbeinküste.
Dr. med. Christoph Althaus (Jg. 1947), pensionierter Allgemeinmediziner aus Weinfelden und Mitglied des RC Weinfelden, engagierte sich zehn Jahre lang ehrenamtlich für die Ruedi Leuppi Stiftung Elfenbeinküste. Zwischen 2015 und 2025 absolvierte er 21 Einsätze im Hôpital Méthodiste in Dabou, wo er Ärztinnen, Hebammen und Pflegepersonal weiterbildete. Heute gehört er dem Stiftungsrat an und bleibt dem Projekt eng verbunden.